Am 20. Mai 2026 trafen sich zahlreiche Interessierte auf dem Biolandbetrieb Lang in Neckarsulm zum HumusKlimaNetz-Feldtag. Während sich der Vormittag intensiv mit der Schilf-Glasflügelzikade beschäftigte, stand am Nachmittag das Thema Agroforstwirtschaft im Fokus. Mitveranstalter waren die Biomusterregion Heilbronner Land und der Landkreis Heilbronn.
Beate und Thomas Lang stellen ihren Betrieb im ehemaligen Hofladen vor.
Die Schilf-Glasflügelzikade stellt viele Ackerbaubetriebe vor große Herausforderungen. „Gleichzeitig gewinnen Humusaufbau, Bodenbedeckung, Biodiversitätsförderung und Agroforst für klimaresiliente Anbausysteme an Bedeutung“, erläutert Sander Hoogendam, Regionalkoordinator im HumusKlimaNetz (BÖLW). Wie lassen sich Pflanzenschutz, Humusaufbau und Biodiversität miteinander verbinden – und welche Zielkonflikte entstehen dabei? Insbesondere dieser Frage widmete sich der Feldtag.
Schilf-Glasflügelzikade: Zielkonflikte zwischen Pflanzenschutz und Humusaufbau
Johannes Ritz vom Bioland Beratungsdienst führte am Vormittag umfassend in die Thematik ein. Er beschrieb den Lebenszyklus der Zikade, ihre Ausbreitung sowie die von ihr übertragenen bakteriellen Krankheitserreger: welche Krankheiten wie Stolbur („Gummirüben“, Candidatus Phytoplasma solani) und das Basses Richesses Sydrome (SBR, Syndrom der niedrigen Zuckergehalte“) auslöst. Besonders problematisch sind die hohe Anpassungsfähigkeit und regionale Ausbreitung der Zikade und ihrer Erreger. Mittlerweile sind mehr als 180 Wirtspflanzen bekannt – neben Zuckerrüben und Kartoffeln auch verschiedene Gemüsearten wie Karotten, Pastinaken und Sellerie sowie mehrjährige Kulturen wie Rhabarber, Spargel und Erdbeeren. Die Krankheitserreger führen teils zu erheblichen Ertrags- und Qualitätsverlusten bis hin zu Totalausfällen.
Zudem wurden die Standortansprüche thematisiert: Besonders günstige Bedingungen findet die Zikade auf lehmigen bis tonigen, strukturstabilen Böden, mit ausreichend Hohlräumen – ideal für die im Boden lebenden Nymphen. Starker Befall tritt daher häufig in klassischen Zuckerrübenregionen auf.
„Die grüne Brücke ist nicht immer gut“, beschreibt Johannes Ritz das Dilemma zwischen Humusaufbau und Pflanzenschutz. „Die derzeit wirksamste Bekämpfungsstrategie liegt in der Unterbrechung der „Massenvermehrung“. „Die im Boden überwinternden Nymphen sind auf geeignete Wirtspflanzen angewiesen. Besonders kritisch sind Winterungen nach stark befallenen Kulturen wie Zuckerrüben oder Kartoffeln, da diese den Nymphen über den Winter als Nahrungsgrundlage dienen können. Der Verzicht auf Winterungen und der Anbau später Sommerungen gelten daher derzeit als zentrale pflanzenbauliche Maßnahmen.”
Im Maisbestand nach Zuckerrüben wird der Zikadenflug mit Kunststoffnetzen überwacht. Johannes Ritz (Mitte) betont die Winterbrache als wirksamste Maßnahme gegen die Schilf-Glasflügelzikade.
Für viele Betriebe bedeutet dies einen Zielkonflikt, insbesondere mit Blick auf Humusaufbau und Zwischenfruchtanbau. Ein Lichtblick: Nach bisherigen Erkenntnissen scheinen Kreuzblütler wie Senf und Ölrettich den Nymphen nicht als Nahrungsgrundlage zu dienen und kommen damit weiterhin als Zwischenfrüchte infrage.
Auch die Möglichkeit des Einsatzes chemischer Pflanzenschutzmaßnahmen wurde thematisiert. Nach aktuellem Kenntnisstand ist ihre Wirksamkeit unter Praxisbedingungen begrenzt und stark vom Anwendungszeitpunkt abhängig. Für einen wirtschaftlichen Anbau in starken Befallsregionen reichen sie vielerorts nicht aus, sodass vorbeugende pflanzenbauliche Maßnahmen unverzichtbar sind.
Auf dem Kartoffelacker der Familie Lang wurde die Rolle von Sortenwahl und Anbauzeitpunkt diskutiert. Früh etablierte und früh abreifende, dennoch lagerfähige Sorten können das Befallsrisiko senken, da die Nymphen auf lebende Pflanzen angewiesen sind und die stärksten Schäden meist erst im späteren Sommer und Herbst auftreten.
Bioland-Berater Johannes Ritz (gelbe Jacke) erläutert auf dem Acker der Familie Lang das Befallsrisiko der dort angebauten Kartoffelsorten durch die Schilf-Glasflügelzikade.
Darüber hinaus wurden verschiedene Beobachtungen aus Forschung und Praxis diskutiert. Hinweise deuten darauf hin, dass teilweise beschattete sowie gut mit Wasser und Nährstoffen versorgte Bestände weniger stark betroffen sind. Auch feinmaschige Kunststoffnetze haben sich als sehr wirksam erwiesen, sind aufgrund hoher Kosten und des hohen Arbeitsaufwands insbesondere im Ökolandbau jedoch nur sehr eingeschränkt umsetzbar.
Aus dem Kreis der Teilnehmenden kam die Rückmeldung: „Besonders wertvoll war der direkte Austausch mit Praktikerinnen und Praktikern. Es war wichtig zu hören, welche vorgeschlagenen Ansätze sich in der Praxis bewährt haben und welche nicht.“ Eine weitere Teilnehmerin ergänzte: „Mir hat besonders gut gefallen, wie anschaulich der Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis gelungen ist. Forschung und praktische Anwendung wurden hervorragend und leicht verständlich dargestellt.“
Zusammenfassend muss festgestellt werden: Die Schilf-Glasflügelzikade ist längst kein regionales Problem mehr. Sie verändert Fruchtfolgen und Anbausysteme bereits heute spürbar und wird in Zukunft weiterhin eine Herausforderung darstellen.
Agroforst
Am Nachmittag gab Marie Krähling vom Planungsbüro TRIEBWERK unter dem Titel „Klimaresilienz durch Agroforst – von der Antragstellung bis zur Nutzung“ einen praxisnahen Einblick in Planung und Umsetzung moderner Agroforstsysteme. Die Etablierung neuer Agroforstsysteme erfordert eine sorgfältige betriebsindividuelle Planung sowie einen hohen Aufwand an Pflege und Baumschutz, besonders in den ersten Jahren. Gleichzeitig bieten Agroforstsysteme vielfältige Potenziale – von verbessertem Mikroklima, Wasserrückhalt und Biodiversitätsförderung bis hin zu zusätzlichen Einkommensmöglichkeiten durch Biomasse-, Wertholz-, Nuss- und Fruchtproduktion.
Agroforstsystem mit zwei Baumstreifen in Nord-Süd Ausrichtung; erprobt werden auch alternative Wertholz-, Nuss- und Fruchtbäume; auf dem Acker wächst Soja.
Im anschließenden Feldrundgang besichtigten die Teilnehmenden das Agroforstsystem im vierten Standjahr. Auf rund 2,2 Hektar werden dort verschiedene Gehölzarten erprobt – darunter Trompetenbaum, Schwarznuss, Pekannuss, Aprikose, Feige, Mandel und Marone. Ergänzend wurden schneller wachsende Sträucher wie Ölweide und Kornelkirsche gepflanzt, um frühzeitig Beschattung und Durchwurzelung zu fördern. Langfristig sollen die Bäume auf vier bis fünf Meter aufgeastet werden, um eine störungsfreie Bewirtschaftung der Ackerfläche zu ermöglichen und hochwertigen Wertholzanteil zu erzeugen.
Thomas (Mitte) und Beate Lang (3. von rechts) diskutieren mit den Teilnehmenden die Herausforderungen bei der Bewirtschaftung ihres Agroforstsystems
Betriebsleiter Thomas Lang berichtete offen von den bisherigen Erfahrungen bei Etablierung und Pflege. Dabei zeigte sich, dass sich die Entwicklung der Gehölze innerhalb der Fläche deutlich unterscheidet: Einige Bäume, insbesondere in der Senke, waren trotz günstiger Bodenverhältnisse nur schwach entwickelt – als mögliche Ursache wurde eine stärkere Konkurrenz durch Begleitvegetation diskutiert. „Die Pflege der Bäume ist deutlich intensiver, als ich anfangs erwartet hatte. Auch im vierten Jahr müssen wir noch bewässern“, so Lang. Auch Wildverbiss stellte die Etablierung vor Probleme. Ursprünglich gepflanzte Weiden fielen durch starke Fegeschäden weitgehend aus, einige Bäume mussten nachgepflanzt werden, die verbleibenden Gehölze wurden mit stabilerem Schutz gesichert. Diskutiert wurde zudem die Begrünung der Baumstreifen. Die ursprünglich eingesäte Blühmischung wurde vollständig von horstbildenden Gräsern verdrängt.
Vor Ort zeigte sich deutlich, wie der Wind die Entwicklung der Gehölze prägt. Diskutiert wurde, wie eine bessere Stabilisierung der Jungbäume und eine intensivere Pflege der Baumscheiben die Etablierung unterstützen könnten. Gleichzeitig zeigte sich anschaulich das langfristige Potenzial der Gehölze als Windschutz und zur Verbesserung des Mikroklimas.
Auf der aktuell mit Soja bestellten Fläche erläuterte Moritz Böhm, von der Bioland Beratung GmbH und Betriebsbegleiter im HumusKlimaNetz, anhand einer Bodenansprache die positive Bodenstruktur und den sehr guten Pflanzbestand. Beim nächsten Hackgang soll hier eine Untersaat etabliert werden: neben dem Agroforstsystem eine weitere humusaufbauende Maßnahme im HumusKlimaNetz.
Soja-Acker neben dem Gehölzstreifen, Moritz Böhm, Betriebsbegleiter im HumusKlimaNetz (1.vr), bei einer Bodenansprache und Durchführung von Bodentest.
Teilnehmende begutachten eine blühende Untersaat aus Inkarnatklee, die im HumusKlimaNetz als humusfördernde Maßnahme zeitgleich mit dem Winterweizen etabliert wurde.
Der Feldrundgang machte nochmal klar: Agroforstsysteme bieten vielversprechende Lösungen für eine klimaresiliente Landwirtschaft. Doch ihr Erfolg hängt von verschiedenen Faktoren ab: sorgfältiger Planung, konsequenter Pflege und einer klaren betriebsindividuellen Strategie, die Ressourcen und langfristige Ziele im Blick behält.
Eine Bemerkung der Teilnehmenden am Abschluss: „Dass die Veranstaltung direkt auf einem Betrieb stattgefunden hat, hat für eine tolle Atmosphäre gesorgt. Besonders hilfreich war es, die Themen direkt auf dem Acker zu diskutieren.“
