Feldtag in Mecklenburg-Vorpommern: Mehrjährige Kulturen in der Praxis
Am 28. April 2026 luden das HumusKlimaNetz und das F.R.A.N.Z.-Projekt zu einem gemeinsamen Feldtag bei der Agrargesellschaft am Landgraben Zinzow mbH nach Vorpommern ein. Der Einladung folgten 35 Teilnehmende aus Beratung, der Lehre, von verschiedenen Verbänden und der landwirtschaftlichen Praxis.
Zunächst stellte der Betriebsleiter Marco Gemballa seinen Betrieb vor. Auf rund 600 Hektar baut er Mais, Winterweizen, Zuckerrüben, Winterraps, Wintergerste, Winterroggen, Winterdinkel, Ackergras, Sojabohnen, Lupinen, Erbsen und Durum an. Die Schlaggrößen reichen von 2 bis 76 Hektar. Die Agrargesellschaft Zinzow beschäftigt 23 Mitarbeitende, davon vier Auszubildende, und betreibt neben dem Ackerbau eine Biogasanlage und ein Lohnunternehmen. Vor Ort berichtet Marco Gemballa, dass auf seinen Flächen große Probleme mit Winderosion auftreten und er deshalb vor einigen Jahren auf pfluglose Bodenbearbeitung umgestellt habe. Grundsätzlich werden nach Getreide Zwischenfrüchte ausgesät. Der Humusgehalt der Flächen liegt im standorttypischen Bereich bei 1,4 bis 1,5 Prozent. Zusätzlich zu mineralischen Düngemitteln werden 50 bis 60 Prozent organische Düngemittel ausgebracht.
Im Anschluss an die Projektvorstellungen von F.R.A.N.Z.-Projekt und HumusKlimaNetz stellte Dr. Andreas Gurgel von der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern (LFA MV) in einem ersten Fachvortrag das Produktionsverfahren von Durchwachsener Silphie und deren Eignung als Substrat in Biogasanlagen vor. Die Durchwachsene Silphie gehört botanisch zu der Familie der Korbblütler und ist ursprünglich in Nordamerika beheimatet. Sie kann als Dauerkultur angebaut werden. Der Anbau Durchwachsener Silphie bringt viele Vorteile: Sie erweitert die Artenvielfalt im Anbauspektrum, trägt als Dauerkultur zum Erosionsschutz und zur Humusanreicherung bei, beim Anbau werden – im Vergleich zu Silomais – wenig Lachgasemissionen freigesetzt; sie wurzelt sehr tief, was zur Bodenauflockerung beiträgt; zudem profitieren Begleitflora und -fauna von ihrem Anbau, wie Regenwürmer, Insekten und Vögel.
Dr. Andreas Gurgel (LFA) erläutert das Produktionsverfahren von Durchwachsener Silphie.
Bei der Etablierung von Durchwachsener Silphie werden vier Pflanzen je Quadratmeter angestrebt. Silphie kann entweder mit vorgezogenen Jungpflanzen gepflanzt oder durch Ausbringung von Samen gesät werden, hier unterschieden sich die Kosten erheblich. Im ersten Jahr ist die Unkrautregulierung wichtig für eine gute Jugendentwicklung – entweder durch einen Herbizideinsatz oder mechanisch. Die Düngung der Grundnährstoffe Phosphor, Magnesium, Kali und Kalk erfolgt nach Entzug. Die Ernte erfolgt kurz vor dem Zeitpunkt des mittelfrühen Silomais und kann gemeinsam mit ihm siliert werden. Die Durchwachsene Silphie ist anfällig für Trockenstress. Im Vergleich zu Silomais hat sie einen höheren spezifischen Wasserverbrauch und eine geringere Wassernutzungseffizienz. Dadurch sind Mindererträge bei Trockenheit stärker ausgeprägt. Beim Einsatz als Biogassubstrat ist hervorzuheben, dass die Durchwachsene Silphie gut konservierbar ist und nur geringe Konservierungsverluste auftreten. Die Biogasausbeute ist hoch. Dies kann sie als Co-Substrat in Biogasanlagen attraktiv machen.
In einem zweiten Fachvortrag ging Dr. Jannik Beninde vom Michael-Otto-Institut im NABU (MOIN) auf F.R.A.N.Z.-Projekt-Maßnahmen für Feldvögel ein. Er merkte an, dass die Vögel in der Agrarlandschaft stark zurückgehen. Dies betrifft, als Folge der Intensivierung der Landwirtschaft sowohl Arten, die vom Grünland als auch vom Acker abhängig sind. Dazu zählen der Verlust von Extensivstrukturen, mehr Bearbeitungsschritte auf den landwirtschaftlichen Nutzflächen sowie der Wechsel auf Winterkulturen. Vor allem Kiebitz, Rebhuhn, Turteltaube, Bekassine, Braunkehlchen und Feldlerche zählen zu den Arten, deren Bestand in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen hat. In seinem Vortrag ging Beninde auf drei Maßnahmen näher ein, die auch bei der Agrargesellschaft am Landgraben Zinzow mbH im Rahmen des F.R.A.N.Z.-Projekts umgesetzt werden: Feldvogelstreifen im Mais, Erbsenfenster und Extensivgetreide. Weiterhin zeigte er die Wirksamkeit verschiedener Maßnahmen von Feldvogelstreifen über Extensivgetreide mit Untersaat bis hin zu Vorgewende auf die Nutzung von Feldlerchen auf. Dabei zeigte sich, dass Feldlerchen nicht von allen Maßnahmen profitieren. So haben Maßnahmen im Feld und Brachen eine weitaus höhere Wirkung auf Feldlerchen als z.B. das blühende Vorgewende. Bei Maßnahmen für Feldbrüter, wie Feldlerchen, sollte mindestens ein Abstand von 100 Metern zum nächstgelegenen Wald eingehalten werden. Abschließend plädierte Beninde für mehr Diversität und Strukturvielfalt in der Agrarlandschaft, da verschiedene Maßnahmen unterschiedliche Arten befördern.
Dr. Jannik Beninde (MOIN) zeigte F.R.A.N.Z.-Projekt-Maßnahmen für Feldvögel auf.
DURCHWACHSENE SILPHIE
Bei einer anschließenden Feldbegehung zeigte Gastgeber Marco Gemballa ausgewählte Maßnahmen auf, die er im Rahmen der beiden Projekte F.R.A.N.Z.-Projekt und HumusKlimaNetz umsetzt. Als erste Fläche besichtigten die Teilnehmenden die HumusKlimaNetz-Fläche, auf der Durchwachsene Silphie als mehrjährige Energiepflanze angebaut wird. 2023 hatte Marco Gemballa die Fläche angelegt. Leider zeigten sich 2024 aufgrund der langen Trockenheit und Hitze Trockenstresssymptome, wie Dr. Gurgel sie in seinem Vortrag bereits geschildert hatte. 2025 erfolgte die erste Ernte. Die Durchwachsene Silphie wird von Gemballa mit Silomais siliert und als Substrat für die Biogasanlage genutzt. Ein weiterer Vorteil des Anbaus sei für Marco Gemballa der Beitrag der Pflanze zur Biodiversität und auch der Imagegewinn für die Landwirtschaft. So hat er bewusst die Durchwachsene Silphie auf einer Fläche angepflanzt, die direkt an seine Betriebsgebäude angrenzt und die von der Dorfstraße aus sichtbar ist. Im Juni steht die Durchwachsene Silphie in voller Blüte, die von Vorbeikommenden gesehen werden kann. Ein weiterer Vorteil der Durchwachsenen Silphie sieht er darin, dass sie in die Breite wachse und dadurch Beikräuter verdrängt. Wie lange er die Durchwachsene Silphie trotz dieser Vorteile noch stehen lassen wird, hänge auch davon ab, ob seine Biogasanlage auch nach 2028 noch gefördert wird. Daher diskutierte er mit den Teilnehmenden darüber, wie er am besten die Pflanzen entfernen könnte, falls die Biogasförderung auslaufen sollte. Einige Teilnehmende berichteten, dass sie aufgrund ihrer intensiven Büschelwurzel sehr schwer zu entfernen sei. Dr. Gurgel brachte den Vorschlag ein, sie zu fräsen, was auf den Versuchsflächen der LFA MV sehr gut gewirkt habe.
Betriebsleiter Marco Gemballa und HumusKlimaNetz-Betriebsbegleiterin Marlene Gerken (BAT Agrar GmbH & Co. KG) schildern die Etablierung der Durchwachsenen Silphie und die Bestandsentwicklung.
FELDVOGELSTREIFEN IM MAIS
Bei einer zweiten Fläche zeigte Marco Gemballa einen Feldvogelstreifen im Mais, der im Rahmen des F.R.A.N.Z.-Projekts angelegt wurde. Dabei handelt es sich um eine einjährige Maßnahme, bei der Getreide in weiter Reihe als Streifen in Maisschlägen ausgedrillt wird. Zum Schutz vor Räubern wird das Vorgewende ausgespart. Dadurch werden Maisflächen aufgelockert und Inselstrukturen als Bruthabitat für Feldvögel angelegt. Marco Gemballa erläuterte, dass er diese Maßnahme als maximale Nutzung von Biodiversität ansehe und dass er den Anbau auf dieser Fläche diesem Zweck unterordne. Im Agrarantrag wird der Streifen als Getreide ausgewiesen. Der Weizen wird schlussendlich stehen gelassen und steht so überwinternden Vögeln zur Verfügung. Dank der Feldvogelstreifen werden Feldlerchen und Schafstelzen gefördert. Jedoch könne es in der Folgekultur zu Problemen mit Beikräutern kommen, die durch eine geschickte Fruchtfolge minimiert werden können.
Marco Gemballa erklärt, warum er einen Feldvogelstreifen angelegt hatte. Der Feldvogelstreifen ist im Hintergrund zu erkennen.
LUZERNEFLÄCHE
Als letzte Station besichtigten die Teilnehmenden eine Luzernefläche, auf der Maßnahmen aus beiden Projekten, HumusKlimaNetz und F.R.A.N.Z.-Projekt, umgesetzt werden. Luzerne als mehrjährige Kultur durchwurzelt den Boden intensiv, was sich positiv auf das Humusaufbaupotential auswirkt. Zusätzlich wurden auf der Fläche drei Altluzerne-Streifen für das F.R.A.N.Z.- Projekt stehengelassen, um Brutmöglichkeiten für Braunkehlchen anzubieten. Ursprünglich war ein Versatz dieser drei Streifen beim zweiten Schnitt vorgesehen. Dies wurde jedoch nicht umgesetzt, da das Braunkehlchen sich angesiedelt hatte. 2024 hatte Marco Gemballa die Luzerne ausgesät. Zunächst lief sie sehr gut auf, aber nach einigen Wochen zeigte sich ein mickriges Wachstum, denn viele Pflanzen hatten keine Knöllchenbakterien angesetzt, obwohl Marco Gemballa darauf geachtet hatte, geimpftes Saatgut zu kaufen. HumusKlimaNetz-Betriebsbegleiterin Marlene Gerken, BAT Agrar GmbH & Co. KG, schilderte, dass es bei bereits geimpftem Saatgut zu Problemen bei der Lagerung oder bei der Aussaat kommen könne. Knöllchenbakterien reagieren empfindlich gegenüber Hitze oder UV-Strahlen bei der Lagerung, sowie Trockenheit oder Sauerstoffmangel im Boden bei der Aussaat. Zur Vorbeugung dieses Problems wird empfohlen, das Saatgut vor der Aussaat eigenständig zu impfen.
Beim Anbau von mehrjährigen Kulturen, wie Luzerne, stellt sich vor allem die Frage nach der Verwertbarkeit. In der Regel ist eine innerbetriebliche Verwertung bei reinen Ackerbaubetrieben, wie dem Betrieb von Marco Gemballa, nicht gegeben. Daher hat er eine Futterkooperation mit einem benachbarten Milchviehbetrieb abgeschlossen.
Marco Gemballa und HumusKlimaNetz-Betriebsbegleiterin Marlene Gerken erläutern, wie die Luzerne etabliert wurde.
Marco Gemballa zeigt anhand eines Bodenprofils auf, wie tief die Luzerne wurzelt und wie sich der Boden entwickelt hat.
Abschließend diskutierten die Teilnehmenden, wie sich Landwirtschaft und Naturschutzmaßnahmen verbinden könnten. Dr. Anna Brobowski, Projektleiterin des F.R.A.N.Z.-Projekts beim Deutscher Bauernverband e.V., merkte an: „Naturschutz und Biodiversität kosten! Deshalb ist ein Umdenken in Politik und Gesellschaft nötig.“ Weiterhin betonte sie, wie wichtig Biodiversitätsberater:innen seien, die die landwirtschaftlichen Betriebe hinsichtlich der verschiedenen Maßnahmen beraten.
Marco Gemballa ergänzte: „Erst ein Mix aus standortangepassten Maßnahmen bringt etwas für die Biodiversität.“ Mit einem Schmunzeln fügte er abschließend noch hinzu, dass er durch das F.R.A.N.Z.-Projekt festgestellt habe, „dass es Menschen im Naturschutz gebe, die auch ein Verständnis für die ökonomischen Zwänge haben, denen landwirtschaftliche Betriebe ausgesetzt sind.”
Marco Gemballa diskutiert mit den Teilnehmenden des Feldtages.
